Einsingen im Chor - Atem und Stütze

Einsingen im Chor - Atem und Stütze

Was zeichnet ein gutes Einsingen aus? Unsere Artikelreihe mit dem Tenor Maximilian Vogler dreht sich rund um das Thema Einsingen. Der zweite Teil der Reihe widmet sich dem Thema Atmung. Viel Spaß mit dem Artikel "Einsingen im Chor - Atem und Stütze!"

Teil 2 unserer Serie mit Tenor Maximilian Vogler

Atem und Stütze

Der Atem haucht unserem Körper buchstäblich Leben ein. Normalerweise geschieht das aber eher unbewusst. Anders beim Singen! Wir Sänger lernen unseren Atem besser kennen, als die meisten anderen Menschen – selbst Blasinstrumentalisten und Sportler benutzen ihre Atmung nicht so vielseitig und vor allem nicht so genau. Der Anteil, den eine gute Atmung und Atemunterstützung am guten Singen tatsächlich haben, ist viel größer als die meisten Sänger annehmen und deshalb lohnt es sich immer, die Atmung im Einsingen aufzuwärmen und zu trainieren.

Viele Chorsänger atmen „zu hoch“, pumpen den Brustkorb mit Luft voll und verlieren so den Zugang zum Zwerchfell und Becken. Auch wird häufig zu verschwenderisch mit der Ausatmung (also dem eigentlichen Singen) umgegangen. Oft reicht ein Bruchteil der Luft, wenn es dem Sänger gelingt, einen gebündelten, gleichmäßigen Luftstrom zu produzieren.

Die Bewegung des Zwerchfells können wir zwar nicht bewusst steuern, das Senken (Einatmen) und Heben (Ausatmen) des Zwerchfells lassen sich aber provozieren. Bekannt ist das wiederholte Aussprechen von explosiven Konsonanten – also k, p, t – die alle eine Bewegung des Zwerchfells erzeugen. Eine verbreitete Übung zur kontrollierten Ausatmung ist das dosierte Exhalieren auf s oder f. Häufig jedoch wird trotz langer Ausatmung die Atemunterstützung (die Stütze) vernachlässigt.

Was aber ist eigentlich die Stütze?              

Die Atemunterstützung

Die Atemstütze ist für ein gesundes Singen unerlässlich und zum großen Teil mitverantwortlich für Tonschönheit, Klangfarbe, Gleichmäßigkeit des Tons, Volumen, Entlastung des Kehlkopfes etc. Sich mit diesem Teil des Gesangsapparats auseinanderzusetzen mag manchmal besonders schwierig erscheinen, ist jedoch auch besonders lohnend!

Der irreführende Begriff Stütze hat mit etwas Statischem, Festem eigentlich überhaupt nichts zu tun. Zur leichteren Verständlichkeit bleibe ich im Folgenden jedoch bei dieser Bezeichnung.

Die Stütze ist die gesteuerte Atemtechnik, also die bewusst dosierte Ein- und Ausatmung beim Singen. Sie ist ein technisches Hilfsmittel, das dem Sänger jederzeit helfen sollte, eine Phrase so zu singen und gestalten, wie es seiner Vorstellung entspricht. Um eine flexible Stimme zu gewährleisten, muss also auch die Stütze flexibel sein, denn sie muss in jedem Bruchteil jeder Sekunde richtig arbeiten und eben unterstützen können.

Dem Studium der Stütze könnte man einen ganzen Artikel widmen, weshalb ich mich im Folgenden nur auf ein paar Übungen konzentrieren möchte, die der Wahrnehmung von Stütze sowie dem Training derselben dienen sollen.

Übung 1 – Dosierung und Atemreflex

Sauge ein wenig Luft durch leicht gespitzte Lippen ein und atme sie so langsam wie möglich auf ffff… aus. Wenn du ganz leergeatmet bist, halte das Gefühl des Vakuums, das sich einstellt, noch einen Moment aus und lassen dann Luft wie einen Reflex durch Mund und Nase einfallen. Das Aushalten der Luftleere provoziert eine schnelle Einatmung. Die wirst merken, wie sich die Bauchdecke von alleine nach außen wölbt, dafür deine Schultern aber fast unbeteiligt bleiben.

Achte besonders darauf, nicht mehr Luft einzuatmen, als dein Atemapparat sich nehmen möchte. Häufig atmen wir beim Singen zu viel ein und vertrauen nicht auf die Natürlichkeit unseres Atems. Dies blockiert die Tiefatmung.

Wichtig: Diese Übung dient der Wahrnehmung und dem Wecken der tiefen Atmung. Mache sie immer ein paar Mal hintereinander und beobachte, wie sich dein Atemapparat die Luft selbst nimmt. Bewerte nicht zu früh zu viel, die Tagesform spielt eine entscheidende Rolle für deine Konstitution, weshalb es hier eigentlich kein richtig und falsch gibt.

Übung 2 – Tiefatmung

 

Im Gegensatz zum Sprechen müssen wir uns beim Singen bewusst um eine tiefe Atmung bemühen. Stütze dafür die Hände in die Seiten, gerade unterhalb des Brustkorbs, und lass beim nächsten Einatmen die Luft dorthin fallen. Versuche nun beim Ausatmen die Öffnung des Rumpfes nicht zu verlieren – also willentlich offenzuhalten gegen die Ausatmung, die eigentlich den Oberkörper wie einen Ballon schrumpfen lässt. Es hilft, den Kontakt von Atem und Händen zu behalten und zu kontrollieren, ob die Flanken geöffnet an den Handinnenflächen bleiben – auch bei der Ausatmung. So kontrollierst du den Ausatemfluss und sorgst für eine bessere Dosierung des Ausatmens. Dies ist muskuläre Arbeit und erfordert etwas Training. Versuche immer nur so stark gegenzuhalten, dass der Atemreflex aus Übung 1 noch möglich bleibt.

Wichtig: Achte darauf, dass sich Brustkorb und Schultern nicht heben bei einer sängerischen Einatmung. Die hohe Atmung blockiert den Kehlkopf – probiere es aus, um dich selbst zu überzeugen!

Variante: Lege die Hände an deinen unteren Rücken neben die Wirbelsäule (mit den Fingerspitzen nach unten gerichtet, so hast du die größte Auflagefläche) und versuche statt der Flankenatmung in den unteren Rücken zu atmen. Genau wie die Flanken beim Ausatmen, also Singen aufgespannt bleiben, sollte die auch für den unteren Rücken gelten. Das ist für viele Sänger zu Anfang ein sehr neues Gefühl, wird sich aber nach und nach ausbilden und ist wesentlicher Bestandteil der Tiefatmung.

Übung 3 – Zwischenrippenmuskulatur

Verantwortlich für die Flexibilität und Bereitschaft der Atemmuskulatur ist nicht nur das Zwerchfell, sondern auch die Zwischenrippenmuskulatur, die für das Offenbleiben deines Brustkorbs zuständig ist. Um diese Muskulatur zu wecken, versuche zu Hecheln wie ein Hund, sodass sich Rippenbögen und die Bauchdecke mitbewegen. Vielleicht funktioniert es anfangs nur langsam, sei geduldig und bringe diese Muskulatur in Bewegung.

Wichtig: Hier gilt Gründlichkeit vor Geschwindigkeit! Falls du die Beweglichkeit nicht sofort spüren kannst, versuche über ein bewusstes Loslassen der Bauchdecke zu mehr Durchlässigkeit zu gelangen.

Tipp: Um besser hecheln zu können, kannst du die Backenzähne aufeinanderlegen (nicht zubeißen) und so die Nasenatmung aktivieren. So garantierst du, dass nicht zu viel Luft durch die Stimmlippen geblasen wird.

Variation:

Versuche das Hecheln auch mal mit einem kleinen Grunzen, so wie ein Affe es machen würde. Das fühlt sich wahrscheinlich zu Anfang sehr seltsam an, bringt aber deine Muskulatur zusätzlich auf Touren! Ganz wichtig, dass du auch versuchst, von den Rippen aus zu Grunzen, nicht nur vom Kehlkopf.

Abschluss:

Singen und vor allem Atmen ist Tagesform! Manchmal dauert es etwas länger als geplant, zu einer guten Verfassung zu finden. Investiere diese Zeit wenn es dein Probenplan erlaubt, deine Stimme und die deiner Chorsänger werden es dir danken!

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