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Einsingen im Chor – Auf die Haltung kommt es an!

Teil 1 unserer Serie mit Tenor Maximilian Vogler

Als freischaffender klassischer Sänger lerne ich bei Konzertprojekten viele verschiedene Chöre und Ensembles kennen. Wenn ich als Solist engagiert bin, kommt es häufig vor, dass der Chor zu Beginn der Haupt- oder Generalprobe vom Chorleiter oder Stimmbildner eingesungen wird. Schnell fällt auf, wie stark Niveau und Genauigkeit des Einsingens variieren. Manchmal handelt es sich um eine vorbereitete, teils sogar verschriftlichte Abfolge von Übungen, manchmal wirkt es eher wie eine einstudierte Choreographie, die der Chor schon viele Male identisch absolviert hat.

Selten habe ich das Gefühl, dass dabei eine tatsächliche Interaktion zwischen Leiter*in und Chor stattfindet und auf das gerade Gehörte individuell eingegangen, mit anderen Worten Stimmbildung betrieben wird. Besonders am Konzerttag höre ich oft, wie noch einmal alle schwierigen Stellen vorab durchgesungen werden, wo doch die Zeit für eine gemeinsame körperliche und klangliche Konzentration viel besser genutzt werden könnte. Wenn schwierigen Stellen eine halbe Stunde vor dem Konzert nicht klappen, werden sie nämlich selten im Konzert wie von Wunderhand gelingen.

Tenor Maximilian VoglerMaximilian Vogler, Foto: Benjamin Hofer

Wie groß sollte der Sing-Anteil im Einsingen sein?

Singen wird oft mit Hochleistungssport verglichen – zu Recht! Ebenso wie Sportler müssen Sänger trainieren, Pausen einlegen und die Bestleistung auf einen bestimmten Zeitpunkt abliefern können.

Einsingen soll zum Ziel haben, die Stimmen aufzuwärmen, aber auf keinen Fall zu überlasten. Auf zu schnelles Aufsteigen in hohe Tonlagen sollte deshalb verzichtet werden! Sportler beginnen ja auch nicht mit der größten Anstrengung.

Gib deinem Chor deshalb immer die Möglichkeit, die Atemunterstützung aufzuwärmen, eine gute Haltung einzunehmen und somit die Kehle nachhaltig zu entlasten! Der Sing-Anteil eines Einsingens ist meiner Meinung nach häufig zu groß. Der ganze Körper muss tönen können, nicht nur die Stimmlippen.

Wie lange dein Einsingen dauert, hängt natürlich von diversen Faktoren ab. Grundsätzlich solltest du mindestens die Hälfte der Zeit für Körperwahrnehmung, Haltung und Atmung verwenden, da du so sicherstellen kannst, dass dein Chor fit ist, um einen langen Probentag, eine späte Abendprobe oder eben ein Konzert körperlich zu bewältigen.

In der zweiten Hälfte kannst du den Chor dann singen lassen, versuche aber immer die Verbindung zum ersten Teil zu bewahren und genau zu hören, ob die Sänger*innen mit dem ganzen Körper singen. Obwohl es vielleicht mühsam und zeitaufwendig erscheint, immer wieder an richtige Einatmung und Haltung zu erinnern, wirst du so garantiert langfristig Zeit sparen. Nur so trainiert dein Chor die gesamte Sängermuskulatur und jeder Sänger lernt in Selbstkontrolle dazu.

Meine Artikel-Reihe möchte für ein körperliches Warm-Up werben und verzichtet deshalb auf Einsingübungen im traditionellen Sinne. Vielmehr soll anhand einfacher, aber wirkungsvoller Übungen Handwerkszeug geliefert werden, wie du deinen Chor zu einer Körperlichkeit führst, die freies Singen erleichtern wird!

Der erste Teil unserer Reihe widmet sich dem Thema Haltung.

Auf die Haltung kommt es an!

Chorsänger müssen am Proben- oder Konzerttag oft einige Stunden stehend zubringen. Es lohnt sich also von Beginn an auf eine gute Haltung zu achten und nicht zu warten, bis den Ersten bereits der Rücken schmerzt. Grundsätzlich wichtig ist, dass die Knie locker und nicht durchgedrückt sind und der Rücken des Sängers kein Hohlkreuz bildet. Nachfolgend sind zwei Übungen beschrieben, die leicht zu einer guten Haltung im Sitzen und Stehen führen.

Sitzen:

Am besten für eine gute Sitzposition eignen sich Stühle ohne die weit verbreitete „Sitzkuhle“. Diese mag zwar vordergründig entlasten, sorgt aber langfristig dafür, dass dein unterer Rücken und deine Sitzhöcker ihrer eigentlichen Funktion beraubt werden und somit auch Nacken und Schultern in Mitleidenschaft gezogen werden. Falls keine Stühle mit gerader Sitzfläche zur Verfügung stehen, kannst du alternativ auch auf die vordere Stuhlkante sitzen, dort gibt es eigentlich immer eine gerade Fläche. Dein Einsingen kann immer so oder ähnlich beginnen!

 Übung 1 – Singen im Sitzen 

Eine gute Übung um eine aufrechte, aber gestützte Sitzposition zu finden, ist das Abrollen im Sitzen. 


Suche den Kontakt mit den beiden knöchernen Sitzhöckern auf der Sitzfläche und versuche dich von dort aus im Rücken aufzurichten. Lass deinen Kopf langsam in Richtung deines Brustbeins sinken. (Wenn du die Übung langsam genug machst, wirst du schon hier eine Dehnung im unteren Rücken spüren.) Rolle nun die Wirbelsäule Wirbel für Wirbel weiter nach unten ab, bis dein Oberkörper auf deinen Oberschenkeln ankommt; die Arme hängen an den Seiten. Spüre die Dehnung im unteren Rücken und verweile einen Moment.

Kehre dann die Bewegung um und rolle dich so langsam es geht wieder nach oben. Rolle die Schultern bewusst nach hinten, wenn du dort angelangt bist. Zuletzt setzt du den Kopf oben auf die Wirbelsäule. Spüre nun, wie gut du deine Sitzhöcker und den Kontakt zur Sitzfläche und gleichzeitig das Aufwärtsstreben der Wirbelsäule wahrnimmst.

Wichtig: Die Atmung sollte zu jeder Zeit in Ruhe fließen dürfen.

Diese Übung kannst du nach Zeit und Lust zwei bis drei Mal wiederholen und auch beliebig in einer Probenpause einfügen. Sie erdet und regeneriert gleichermaßen.

Variation:

Sobald du den Ablauf der Übung kennst, kannst du beginnen dich mehr auf deine Atmung zu konzentrieren. Spüre, wie der Atem den unteren Rücken zu öffnen beginnt, während du langsam nach unten rollst. Verharre länger in der unteren Position und atme absichtlich tief in Richtung der Lendenwirbelsäule. Der Kontakt zum Stuhl und der geöffnete Rücken lassen dich die tiefe Rückenatmung genau spüren. 

Stehen:

Richtiges Stehen ist nach meiner Erfahrung noch schwieriger zu erreichen als aufrechtes Sitzen. Sich abzurollen wie im Sitzen hilft natürlich dem aufrechten Stand, ist aber nicht genauso zuverlässig. Vor allem die Inkorporation der Notenmappe in den aufrechten Stand des Chorsängers scheint mir unerlässlich. Um Schultern und Nacken vom Tragen des Kopfes und der Notenmappe zu befreien, muss – ähnlich wie im Sitzen – der untere Rücken aktiviert werden.

 Übung 2 – Singen im Stehen

Stelle dich mit einer Unterarmlänge Abstand vor einer freien Wand auf. Achte darauf, dass deine Füße etwa schulterbreit auseinander stehen. Hebe nun die Oberarme auf einen 90° Winkel vor die Schultern und klappe die Unterarme um 90° nach oben, wobei du die Hände zu zwei leichten Fäusten formst. Deine Unterarme sind nun also parallel zu deinem Brustkorb vor deinem Gesicht.

Lass dich nun - die gehobenen Unterarme voraus – sanft gegen die Wand fallen. Die Ellenbogen dürfen etwas nachgeben, um dein Gewicht aufzufangen. Achte darauf, dass deine Fersen am Boden bleiben und dein Rücken lang ist (der Bauch nicht nach vorne durchhängt). Es stellt sich eine leichte Spannung im unteren Rücken und Bauch ein – das ist gut so! Ein gesundes Maß an Körperspannung ist essenziell fürs Singen. Verweile einen Moment und versuche dein ganzes Körpergewicht in die Wand abzugeben.

Wenn du das Gefühl hast, überflüssige Körperspannung in die Wand abgegeben zu haben, drücke dich langsam zurück in den aufrechten Stand. Achte besonders auf den Moment, wenn deine Knie dein Gewicht übernehmen wollen und versuche stattdessen, deinen unteren Rücken in einer gesunden Grundspannung zu behalten.

Versuche nun – geführt vom „Kraftzentrum“ unterer Rücken – die Hände in die Position für die Notenmappe zu bringen und spüre, wie die Schultern entlastet sind.

Wichtig: Gute Körperspannung wird nicht durch Anspannen der Muskulatur erzeugt, sondern durch leichten Widerstand in Verbindung mit dem eigenen Körpergewicht – in diesem Fall das Lehnen an die Wand.

Variation:

Ähnlich wie in Übung 1 kannst du auch hier die tiefe Atmung mit einbinden. Dazu lässt du den Atem durch den geöffneten Mund einfallen, während du dich gegen die Wand fallen lässt. Spüre wie tief der Atem sich seinen Weg bahnt. Versuche nicht zusätzlich mehr Luft einzuatmen als von selbst einfällt. Achte stattdessen darauf, die Luft sparsam aber gleichmäßig beim Wegdrücken von der Wand wieder auszuatmen. Lasse dich dann erneut fallen. Durch die Verbindung zu deinem Körpergewicht macht diese Übung die reflektorische Atmung besonders gut spürbar. Die Übung kannst du so oft wiederholen, wie du möchtest. Wichtig ist die Erkenntnis, dass zum Singen oft weniger Luft ausreicht, als man annimmt. Auf die Dosierung kommt es an! Mehr dazu im nächsten Artikel, der sich dem Thema Atem und Stütze widmet. 

Abschluss:

Gängige Übungen wie Arme nach oben strecken, Körper abklopfen und Dehnübungen sind selbstverständlich immer gut! Es lohnt sich trotzdem beim Warm-Up einen Moment der Konzentration auf gute Haltung zu verwenden. Dies kann auch jederzeit während eines langen Sing-Tages geschehen und wird die Sänger immer ein Stück zu sich selbst und ihrer tiefen Atmung zurückbringen und somit der Stimme guttun.

Ausblick:

Ich hoffe, ich konnte dir in diesem ersten Artikel Rund um das Thema Einsingen einige Anregungen geben und dafür motivieren, großen Wert auf die Haltung deiner Sänger*innen zu legen. Der nächste Artikel behandelt mit dem Thema Atem und Stütze, einen nicht minder wichtigen Teil eines guten Einsingens. 

Und nun viel Freude beim Experimentieren!

PS: Solltest du Fragen zu den Übungen oder weitere Anregungen haben, schreib diese gerne in die Kommentare. 


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